Heilfaktoren von Höchenschwand

von Prof. Dr. med. Karl Wurm

Höchenschwand verdankt das Prädikat »Heilklimatischer Kurort«, u. a. den Besonderheiten seines Klimas. Diese für Höchenschwand spezifischen Kliniaeigenschaften mit ihrer Auswirkung auf den Menschen, ob gesund oder krank, seien hier kurz aufgezeigt.


Der Zusammenhang zwischen persönlicher Befindlichkeit und unterschiedlichen Wetterlagen oder nach Ortswechsel mit Aufenthalt an der See, im Hochgebirge oder in fernen Ländern ist schon für gesunde Menschen ein unmittelbares Erlebnis. Die heilende Wirkung eines Klimas auf den Verlauf von Krankheiten (z.B. Asthma, Hautkrankheiten, Blutarmut) ist ein unbestreitbares Faktum alter ärztlicher Erfahrung und darüber hinaus Gegenstand aktueller wissenschaftlicher Forschung.
 
Die Qualität eines Klimas wird in erster Linie von naturgegebenen Bedingungen bestimmt. Für Höchenschwand sind die geographische Lage, Bodenbeschaffenheit, die Oberflächengestart des Geländes und Vegetationsart die naturgegebenen Konstanten.
 
Die Klimaforschung hat eine Reihe physiologischer Wirkungen ermittelt, die für das menschliche Befinden und darüberhinaus von allgemeiner biologischer Bedeutung sind. Die Kenntnisse aus jahrelangen Messungen der meteorologischen Forschungsstation des deutschen Wetterdienstes in Freiburg geben hierüber Aufschluß.
Obenan steht die Wirkung der Sonne. Dank seiner Kuppenlage in 1015 m Höhe besitzt Höchenschwand unter allen deutschen Gemeinden mit 1848 Sonnenscheinstunden im Jahresdurchschnitt die längste Sonnenscheindauer; hiermit übertrifft es sogar das in 1500 m Höhe gelegene Davos/Schweiz, wo die hohen Berge ringsum die Sonne später erscheinen und früher untergehen lassen. Zur langen Sonnenscheindauer kommt die Intensität der Strahlung noch hinzu. Dem geringen Aerosolgehalt der Luft zufolge ist die Strahlenabsorption gering und der Strahlungseffekt infolge der Ortshöhe und des günstigen Einfallwinkels auf die zum Rheintal hin nach Südwesten abfallenden Schwarzwaldhänge besonders groß.
 
Für die physiologische Wirkung des Sonnenlichtes sind zwei Beispiele lehrreich: Die schon Jahrzehnte zurückliegende Erforschung der heute fast ausgestorbenen Rachitis führte zu der Kenntnis über die Wirkung der kurzwelligen Anteile des Sonnenlichtes. Die Einwirkung des ultravioletten Lichtanteiles auf die Haut steigert die Stoffwechselprozesse und führt zur allgemeinen Verbesserung der Abwehrkräfte, wobei die Bildung von Vitamin D speziell den Knochenstoffwechsel begünstigt.
 
Neu ist die Kenntnis eines Lichteffektes ganz anderer Art: Nach vorausgegangener beidseitiger Star-Operation wurde festgestellt, daß die quantitativ kaum meßbar vermehrte Lichtmenge, die nach Entfernung der trüben Linsen nunmehr auf die Netzhaut trifft, die Funktion der Nebennieren stimmuliert. Die gesteigerte Cortisolproduktion wirkt nicht nur in manigfacher Weise auf körperliche Vorgänge, sondern besitzt insbesondere einen aufheiternden Effekt auf die Stimmung des Menschen.
 
Die Reinheit der Luft ist im Zusammenhang mit der bedrohlichen Luftverschmutzung in den Ballungszentren für den Kurgast erstrangiges Bedürfnis. Die Lage Höchenschwands oberhalb der Inversionsschicht und die meist herrschende leichte Brise sorgen für die ständige Erneuerung der Luftschicht, wobei obendrein die Menge schädlicher Stoffe (Stickoxyde, Schwefeldioxyd u. a.) in Höchenschwand gering ist. Saubere Luft wirkt sich speziell bei Erkrankung der oberen Atemwege günstig aus.

Die Lufttemperatur mit einem Jahresmittel um +6,4°, einem mittleren Maximum von 26,5° im Juni und einem tiefsten Monatsminimum von -13,4° im Januar hat einen ausgewogenen Jahresverlauf. Die sich bei winterlichen Hochdrucklagen einstellende Temperaturumkehr, mit warmer Sonne und klarer Fernsicht in der Höhe oberhalb der Inversionsschicht ist im Unterschied zu dem sich unter der Nebeldecke befindlichen kalten Rheintal für viele ein großes Erlebnis.
Die Abkühlungsgröße, bedingt durch Temperatur und Strömungsgeschwindigkeit der Luft, ist für die Reizstärke eines Klimas maßgebend. Selten herrscht in Höchenschwand absolute Windstille. Die fast ständige leichte Brise verhindert selbst im Hochsommer eine belastende Schwüle.
 
Die Niederschlagsmenge ist auf Grund der geographischen Lage relativ gering. Die größte Menge fällt im Dezember, die geringste im Februar, Nebeltage sind selten. Daraus ergibt sich eine bekömmliche, trockene Luft. Schnee kann schon im Oktober fallen, mit einer geschlossenen Schneedecke ist normalerweise ab Weihnachten bis Ende März mit mittleren Schneehöhen von 80 cm zu rechnen.
 
Der geringe Luftdruck in der Höhenlage führt zu einem deutlich niedrigeren Sauerstoffpartialdruck im Blut, der sich anregend auf Herz- und Atemtätigkeit auswirkt.

Neben den beschriebenen physikalischen Klimaeigenschaften ist außerdem mit weiteren, noch ungenügend erforschten Faktoren wie Luftelektrizität, Erdmagnetismus, Strahlungen u. a. zu rechnen. Nach den geltenden Kriterien wird das Mittelgebirgsklima von Höchenschwand mit seinen für jeden Laien spürbaren Auswirkungen von den Meteorologen der Reizstufe 3 zugeordnet.

Die physiologische Wirkung auf den Menschen ist immer die Resultante von mehrerlei gleichzeitigen Einwirkungen. Ihr Effekt hängt außerdem von der individuellen körperlichen und seelischen Sensibilität des Menschen ab. Daher ist die Bekömmlichkeit eines Klimas nicht nur bei gesunden Menschen, sondern bei verschiedenen Krankheiten sehr verschieden, was bei den Kurortindikationen Berücksichtigung findet. Abgesehen von den geschilderten speziellen Einflüssen auf bestimmte Funktionen von Organen und des Stoffwechsels besteht der Nutzen eines Heilklimas vor allem in der Mobilisierung der im Immunsystem wirkenden Abwehrkräfte, die sich nicht nur in gesteigerter Heilungstendenz, sondern in verminderter Krankheitsanfälligkeit auswirkt und allgemein als Umstimmung bezeichnet wird.
 
Die Landschaft ist neben dem Klima der für Höchenschwand zweitwichtigste ortsspezifische Heilfaktor. Der Lage des Ortes mit noch immer dörflichem Charakter, mitten in einer reizvollen Landschaft kombiniert mit klimatischen Vorzügen verdankt der Kurort seine Spitzenstellung. Frei von aller Industrie, im weiten Umkreis nur Wiesen und Felder im stetigen Wechsel mit Wäldern, hat der Blick in die Ferne und in den offenen Himmel eine tiefe, befreiende Wirkung. Mancher Frühaufsteher erlebt zum ersten Mal in Höchenschwand, besonders im Winter und im Frühjahr die Schönheit eines Sonnenaufgangs über der Bregenzer Alpenkette. Jedermann ist beim Anblick der im Sonnenglanz leuchtenden Gletscher und Schneefelder der zum Greifen nahe erscheinenden Schweizer Alpen tief beeindruckt und kann im Frühsommer und noch mehr im Herbst das am Horizont ablaufende Farbenspiel der untergehenden Sonne bewundern.
 
Dieser ständige und abwechslungsreiche Ansporn zum Aufenthalt in freier Natur führt den Erholungssuchenden und Kranken zur Entspannung und Besinnlichkeit. Für andere ist eine solche Landschaft eine Herausforderung zum Wandern und sportlicher Aktivität, die für die heutigen Menschen als Bewegungstherapie zu einem wichtigen Element gesunder Lebensführung oder sogar zu einem Prinzip seiner Therapie geworden ist. Die gepflegten Terrainkurwege sollen hier ein weiterer Anreiz sein. Eine spezielle Terrainkurwegekarte gibt es bei der Kurverwaltung.
 

Ein breites kurörtliches Angebot an menschlichen Bewegungsformen, sei es Sport, Unterhaltung, Tanz, Spiel und Spaß, ist die notwendige Ergänzung für einen Kurort in unserer Zeit, der Anspruch auf Ganzheitsmedizin erhebt.

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